Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Aber nichts kann so gegenwärtig sein wie ein altes Buch, gerade wenn es nicht um jeden Preis aktuell sein will. Gerade das nicht Zeitgemäße kann zur kritischen Einrede werden. Biblische Worte kommen von weit her. Statt krampfhaft ihre Aktualität zu propagieren, wäre gerade das stark zu machen. Weil viele Worte der Bibel nicht zeitgemäß sind, sagen sie uns, was wir uns nicht selbst sagen können und was nicht auf der Tagesordnung steht. Wir sind von gestern. Deshalb sollten wir nicht schon von morgen sein wollen, sondern uns sagen lassen, was vorgestern und vorvorgestern war. Dabei wird sich noch etwas zeigen: Es geht nicht nur darum, Antworten auf die Fragen, sondern heute mehr noch Fragen auf die Antworten zu finden. Manchmal zeigen die ganz alten Fragen die Kurzschlüssigkeit vieler in Kirche und Gesellschaft so modern und zukunftsorientiert sich aufplusternder Antworten – z.B. die ganz alten Fragen der Bibel.

Jürgen Ebach: Schrift-Stücke. Biblische Miniaturen

Der Mut, die Angst vor der Sinnlosigkeit auf sich zu nehmen, ist die Grenze, bis zu der der Mut zum Sein gehen kann. Jenseits dieser Grenze ist bloßes Nichtsein. In diesem Mut werden alle Formen des Mutes wiedergeboren aus der Macht des Gottes über dem Gott des Theismus. Der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist.

Paul Tillich: Der Mut zum Sein

What I always say is this: If God raised Jesus Christ from the dead, everything else is basically rock’n’roll, i’n’it? | Ich sage immer: Wenn Gott Jesus Christus von den Toten auferweckt hat, dann ist alles andere im Grunde genommen Rock’n’Roll, nicht wahr?

Zitat aus einer Unterhaltung des Theologen und ehemaligen anglikanischen Bischofs von Durham N. T. Wright mit einem Taxifahrer über die Frauenordination. Das Zitat stammt vom Taxifahrer … (Übersetzung: T. L.)

Seine Macht muss in der Stille liegen. Sein Schweigen scheint mir unerbittlich gegen das Schweigen der Welt. Seine Stille ist gnadenlos gegen den Tod. Sie bringt das Nichts zum Bersten. Sein Schlachtfeld kennt keinen Lärm, denn es ist immer das Schweigen, der Tod, die Gräber und das Nichts. Und wir haben ihn nicht mit Schwertern in die Unterwelt ziehen sehen und mit wehenden Fahnen und Geschrei, sondern mit geschlossenen Augen, bleichem Mund und ohne Herzschlag. Gott untergräbt die Stille. Es muss eine Macht darin liegen, die ich nicht verstehe.

Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung

Wer beginnt, “Ich” zu sagen, der hat die unsichtbare Welt schon betreten, weil wir alle keine Beweise für uns haben. Weil wir uns alle still und heimlich darauf verlassen, wirklich zu sein. Weil wir im Respekt vor diesem unbeweisbaren Geheimnis unserer Existenz sogar von einer Würde sprechen. Sichtbar ist die nicht. Es ist eine Annahme. Ein Glaube.

Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung

Nicht ‘hoffentlich’. Nicht ‘möglicherweise’ oder ‘wenn alles gut geht’. Sondern ‘Amen’! ‘Amen’ hinein ins Dunkel! In Angst und Zweifel wage ich es, einen weiteren Schritt zu gehen. Nicht weil ich verstünde, nicht weil ich mich sicher wähnte, nicht weil der Glaube es irgendwie leichter machte. Sondern weil ich inmitten der Finsternis eine Tiefe liebevoll der anderen zurufen höre, und mein Herz schreit es hinaus als Antwort auf das Geheimnis des Glaubens: ‘Amen!’

Ben Myers (Übersetzung: T. L.)

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Der Blick nach vorn

Am Ende des Jahres blicke ich zurück. Neben vielem Guten, Schönen, Bereichernden, neben Freude und Glück, gibt es auch viele lose Fäden und offene Fragen, Hadern und Bedauern, Schmerz und Trauer. Ich bin schuldig geworden an anderen. Andere sind schuldig geworden an mir. Manches davon ist vergeben. Und manches wartet noch darauf, endlich in Gottes gnädige Gegenwart gebracht zu werden.

Caspar David Friedrich:

Caspar David Friedrich:
“Der Wanderer über dem Nebelmeer” (1818)

Vor einem guten Jahr habe ich versucht, in einem Lied, das sich am Vaterunser entlangbewegt, lose Fäden und Fragezeichen, Schuld und Scherben, Lebenshunger und Lebensdurst zusammenzutragen und vor Gott zu bringen. Vor den, der mit all dem Unvollkommenen und mit allem Kaputten etwas anzufangen und auch damit noch sein Reich zu bauen weiß.

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An seiner Krippe

Rembrandt:

Rembrandt: “Beschneidung Christi” (1661)

Es gibt wohl kaum ein schöneres, reicheres, anrührenderes Lied zum Wunder und Geheimnis der Weihnacht als “Ich steh an deiner Krippen hier” mit dem Text von Paul Gerhardt und in der Vertonung von Johann Sebastian Bach (die wiederum auf eine Melodie Martin Luthers zurückgeht).

Ob es Dir wohl auch so geht? Jedes Jahr aufs Neue bin ich tief bewegt von der Botschaft, die hier in nahezu jedem Wort verborgen und zugleich offen zutage liegt. Noch nie habe ich es geschafft, beim Singen oder Hören dieses Liedes nicht die eine oder andere Träne zu verkneifen oder einfach frei fließen zu lassen. Jedes Mal waren und sind es Tränen der Trauer und Tränen des Glücks, Tränen der Scham und Tränen der Befreiung. Oft kann ich sie nicht voneinander unterscheiden, so komprimiert kommt in diesen Zeilen und in der Melodie selbst zum Ausdruck, wovon unser Leben allzu oft geprägt ist – vor allem aber, wovon es geprägt sein sollte und nach und nach schon jetzt geprägt sein darf.

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Ein Gott, der mich sieht

“Du bist ein Gott, der mich sieht.” (1. Mose 16,13)

Auge

© Torsten Lohse / PIXELIO

Mit Statusmeldungen auf Facebook, Blogeinträgen etc. wollen wir oftmals nicht nur Informationen weitergeben, sondern gesehen werden.

Ich bilde da keine Ausnahme. Gesehen, wahrgenommen zu werden, ist unabdingbare Lebensgrundlage eines jeden Menschen. Wir existieren nicht aus und für uns selbst. Ganz werden wir erst in der Begegnung mit dem anderen. Einen Menschen nicht anzusehen bedeutet daher ansatzweise immer schon, ihm sein Leben streitig zu machen.

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