Eine Pressemeldung aus dem Hause idea:
“Offene Kirche” greift “Lebendige Gemeinde” an
Ein Pfarrer und Pressebeauftragter der “Offenen Kirche” (eine Synodalgruppe innerhalb der Evangelischen Landeskirche in Württemberg) greift eine quasi konkurrierende Synodalgruppe wegen deren Slogans “Wo evangelisch draufsteht, muss Evangelium drin sein” an. Vielleicht, weil er sich dabei etwas gedacht hat.
Vielleicht ob des Frustes, bei der vergangenen Wahl zur 14. Württembergischen Evangelischen Landessynode mit nur 25 Sitzen wieder einmal deutlich schwächer als die “Lebendige Gemeinde” (40 Sitze) abgeschnitten zu haben.
Oder vielleicht einfach deshalb, weil man eben an anderen herummäkeln muß, wenn man als theologischer Gesprächskreis selbst kein klares Profil hat.
Nichts gegen sachliche Kritik – aber schon der deutlich erkennbare Hang zur rhethorischen Ausschlachtung einer Metapher (“Nutella” …) ohne einen wirklich erkennbaren, inhaltlich fundierten Bezug zu dem, was eigentlich kritisiert werden soll, läßt doch vermuten, daß es hier nicht um die Sache, sondern eher um verletzte Eitelkeit geht.
Seit wann propagiert die “Lebendige Gemeinde” denn einen “Einheitsaufstrich” in Sachen Evangelium? Seitdem sie andere Schwerpunkte (man beachte den Plural) setzt als die “Offene Kirche”?
Würde Herr Seibt auch dann noch so vollmundig darauf hinweisen, das Evangelium komme “gerne durch die Hintertür und den Nebeneingang”, wenn er mit seiner “Offenen Kirche” die Mehrheit in der Landessynode errungen hätte?
Oder versteht er seinen Gesprächskreis gar als ein “Gefäß des Evangeliums”, auf dem gar nicht evangelisch draufsteht? Nein, Verzeihung! Das hieße ja, die Wortmeldung Pfarrer Seibts ohne inhaltlich fundierten Bezug auf selbige auszuschlachten – schließlich ist die “Offene Kirche” als Synodalgruppe der Evangelischen Württembergischen Landeskirche per definitionem evangelisch, nicht wahr?
Nur: was, Herr Pfarrer, hat eine solche Wortmeldung, wie sie ätzender und nichtssagender kaum sein könnte, eigentlich mit dem Evangelium zu tun?
Zur Glosse von Michael Seibt in der OK-Zeitschrift “anstöße”
Tags: Lebendige Gemeinde, Michael Seibt, Nutella, Offene Kirche
Na, da hat der Theologiestudent auf seinem neuem Web-Blogg ja etwas ausfindig gemacht, was sich trefflich abschießen lässt. Ein “Pfarrer und Pressesprecher” wagt zu kritisieren, dass die Lebendige Gemeinde mit dem Werbespruch “Wo evangelisch draufsteht, muss Evangelium drin sein” Anleihen bei Nutella macht.” Möglicherweise habe er sich was dabei gedacht, aber eher nicht, denn es geht ihm ja nur darum, herumzumäkeln und seinen Frust zu verarbeitren, dass die “Offene Kirche” keine Mehrheit hat. Darauf reduziert sich alles.
Lernt man in Tübingen neuerdings, Diskussionen so zu führen? “Ätzend” und “nichtssagegend” findet der Herr Theologiestudent meinen Beitrag, ohne sich die Mühe zu machen, inhaltlich darauf einzugehen. Eine Seminararbeit dürfte auf diesem Niveau wohl kaum durchgehen…
Freundlichen Gruß
Michael Seibt
Auch von “Evangelium und Kirche” kommt Kritik an der Verwendung des Nutella-Spruchs für kirchliche Zwecke. Pfarrer Oesterle schreibt in den EuK-Mitteilungen Heft 2/2007 übr die EKD-Schrift: “Kirche der Freiheit”:
Und dann beginnen die Ausgangsthesen
mit dem unsäglichen Spruch: „Wo Evangelium
draufsteht, muss auch Evangelium
erfahrbar sein.“ Es zeigt deutlich, wie
plattes Marketingdenken in diesem Impulspapier
an die Stelle der theologischen
Nachdenklichkeit rückt, wenn man bei
einem Werbespruch für „Nutella“ Anleihen
machen muss, um eine Profilierung der
Kirche zu beschreiben. Was für eine Nusscreme
gelten mag, reicht noch lange nicht
aus, um das Wirken des Geistes Gottes zu
beschreiben.
Sehr geehrter Pfarrer Seibt!
Zunächst einmal vielen Dank für Ihren Kommentar zu meinem Artikel – offensichtlich hat er eingeschlagen: mit so einer angefressenen Reaktion hatte ich nicht gerechnet.
Am Rande: ich weiß zu unterscheiden zwischen dem literarischen Genre eines Blogs einerseits und dem einer Seminararbeit andererseits. Sie müssen sich also weder um die Lehre in Tübingen Sorgen machen, noch um meine Noten.
Das heißt nun aber nicht, daß ich mir nicht auch für einen Blog-Beitrag so meine Gedanken machen würde. Die Ironie in meinem Artikel scheinen Sie nicht bemerkt zu haben, sonst müßten Sie mir ja nicht postwendend das vorhalten, was ich an Ihrer Glosse unter anderem bemängelt habe. Eben aus diesem Grund habe ich Ihnen ja nicht vorgeworfen, Sie verstünden die “Offene Kirche” als ein solches Gefäß des Evangeliums, das namentlich gar nicht so gekennzeichnet ist. Eben aus diesem Grund und ganz bewußt habe ich bei der Suche nach dem Motiv für Ihren Angriff auf das Motto der “Lebendigen Gemeinde” Begriffe wie ‘vielleicht’ und ‘vermuten’ gebraucht.
Einen weiteren eindeutigen inhaltlichen Bezug haben Sie darüber hinaus offensichtlich ebenso übersehen: so stelle ich Ihrem Vorwurf, die “Lebendige Gemeinde” wolle einem jeden Sonntag ein Nutella-Evangelium aufs Seelen-Brötchen streichen, die Feststellung entgegen, daß die von Ihnen angegriffene Synodalgruppe andere Schwerpunkte (nochmal: man beachte den Plural …) als die Ihrige setzt.
Daß auch der eher konservative und erwecklich geprägte Pietismus (dem ich mich nicht ohne weiteres zurechnen lassen würde) keineswegs ein ‘gleichgeschaltetes’ Evangelium kennt, läßt sich jedenfalls nicht mit dem gleichermaßen beliebten wie nutzlosen (weil äußerst schwammigen) und von Ihnen wohl eher als Schimpfwort gebrauchten Begriff “die Evangelikalen” verschleiern. Warum eigentlich packen Sie nicht auch gleich noch die “Fundamentalismus!”-Keule aus?
Da wird Ihre Kritik auch nicht dadurch richtiger, daß Sie Schützenhilfe bei “Evangelium und Kirche” (die ich sehr schätze) entdecken. Pfarrer Oesterles Einwand scheint angesichts der Geballtheit “theologischer Nachdenklichkeit” vor Seriösität und Differenziertheit nur so zu strotzen. Aber lassen Sie sich davon wirklich aufs Glatteis führen? Ich jedenfalls könnte Ihnen sowohl in der Bibel (ja, nehmen wir ihn doch einmal: Jesus) als auch in der Kirchengeschichte (bleiben wir auch hier einmal im ‘Mainstream’: Luther) prompt vielfach Belege dafür nennen, wie Formulierungen, Motive und ‘Slogans’ aus der jeweils zeitgenössischen Umgangssprache verwendet werden, um Evangelium und Reich Gottes zu erklären, zu beschreiben, zu vermitteln.
Und nun? Darf der das, der Jesus? Darf der das, der Luther? Ist das für uns Intellektuelle denn nicht viel zu vulgär und theologisch gar zu unbedacht? Dürfen wir uns auf so ein Niveau hinabbegeben? Verfälscht denn nicht die Sprache des Pöbels unser akademisch keimfreies, lupenrein und haarscharf definiertes und ausformuliertes Evangelium?
Wenn nun schon der Jesus der Evangelien und ein Luther in seinen Schriften sich nicht zu schade dafür waren, könnte man es da nicht der “Lebendigen Gemeinde” ein bißchen nachsehen, daß sie der Prägnanz halber einen Slogan wählt, von dem sie mit Sicherheit selbst weiß, daß er nicht in jeder Hinsicht vollständig vom Evangelium gedeckt ist?
Nein, das alles darf man als anständiger Theologe natürlich nicht hinnehmen – und deshalb wird pflichtschuldig darauf hingewiesen, daß in Sachen Evangelium “frommes Schieben und Drücken” nicht hilft. Diesen an sich richtigen Gedanke weiden Sie nun aber so aus, daß mal wieder das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Natürlich gibt es in Sachen Evangelium nur “es kann, es darf”.
Aber nun wissen doch nicht nur Sie und ich, daß nicht alles, was erlaubt ist, uns auch “zum Guten dient’”. Sollten Sie es also tatsächlich so meinen, daß wir schlichtweg alles Evangelium nennen können, weil es ja ohnehin oft genug “durch die Hintertür und den Nebeneingang” kommt und wir deshalb gar nicht darauf achten ‘müssen’, was wir verkünden?
Macht sich “das Evangelische” tatsächlich aus dem Staub, sobald wir sagen: “Da ist es. Und da nicht.”? Auch hier kann und will ich nicht glauben, daß Sie das so meinen könnten. Oder haben Sie tatsächlich vergessen, daß das Evangelische (und das ist im Kern doch wohl das Evangelium, oder?) durchaus Orte kennt, an die es sich binden mag? Warum gleich verwalten Sie die Sakramente? Warum gleich sind wir, um es in der Sprache der Apostel zu sagen, dazu aufgerufen, die Geister zu unterscheiden? Auch und wiederum Luther wußte wohl zu sagen, wo das Evangelium sei – dort nämlich, wo es Christus predigt. Dergleichen Beispiele gibt es viele. Nur gibt es eine Art “theologischer Nachdenklichkeit”, die so gewichtig erscheint, daß diese einfachsten Dinge wohl vergessen werden.
So gewiß wir “das Evangelische” nicht machen und zwingen können (und, bitteschön, Sie wissen doch selbst, daß auch die “Lebendige Gemeinde” sich darüber im Klaren ist), so gewiß sind wir in der Verantwortung, daß “das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden”. Das ist und bleibt nunmal ein ‘Muß’ für die Evangelische Kirche – und es gibt nicht nur den Modus des Zwanges beim Begriff ‘müssen’, sondern eben auch den der conditio sine qua non.
Wenn Sie bei der “Offenen Kirche” die Größe hätten, einen solchen Gebrauch des Wörtchens ‘müssen’ auch einmal der “Lebendigen Gemeinde” zuzugestehen (und glauben Sie mir, ich lese “anstöße” nicht zum ersten Mal), dann würde ich Ihre Glosse nicht, wie es nunmal der Fall ist, ‘ätzend’ und ‘nichtssagend’ finden.
Und nun wende ich mich wieder der Lehre in Tübingen zu.
Mit freundlichen Grüßen,
Tobias Lampert
Sehr geehrter Herr Lampert,
> Am Rande: ich weiß zu unterscheiden zwischen dem literarischen Genre
> eines Blogs einerseits und dem einer Seminararbeit andererseits. Sie müssen
> sich also weder um die Lehre in Tübingen Sorgen machen, noch um meine Noten.
Die akademische Bildung hat mit der Gestaltung eines Blogs für Sie offenbar nichts zu tun. Sonst würden sie nicht herabsetzende Adjektive wie “ätzend” und “nichtssagend” verwenden, um sich mit einer anderen Meinung auseinanderzusetzen.
> Das heißt nun aber nicht, daß ich mir nicht auch für einen Blog-Beitrag
> so meine Gedanken machen würde. Die Ironie in meinem Artikel scheinen Sie
> nicht bemerkt zu haben, sonst müßten Sie mir ja nicht postwendend das
> vorhalten, was ich an Ihrer Glosse unter anderem bemängelt habe.
Nein, die Ironie hab ich nicht bemerkt.
> Einen weiteren eindeutigen inhaltlichen Bezug haben Sie darüber hinaus
> offensichtlich ebenso übersehen: so stelle ich Ihrem Vorwurf, die
> “Lebendige Gemeinde” wolle einem jeden Sonntag ein Nutella-Evangelium aufs
> Seelen-Brötchen streichen, die Feststellung entgegen, daß die von Ihnen
> angegriffene Synodalgruppe andere Schwerpunkte (nochmal: man beachte den Plural
> …) als die Ihrige setzt.
Ich habe nicht kritisiert, dass die LG andere Schwerpunkte setzt, ich habe kritisiert, dass dass sie den Nutella-Spruch kirchli adaptiert und das Evangelium damit zu einem Markenprodukt macht.
> Daß auch der eher konservative und erwecklich geprägte Pietismus (dem
> ich mich nicht ohne weiteres zurechnen lassen würde) keineswegs ein
> ‘gleichgeschaltetes’ Evangelium kennt, läßt sich jedenfalls nicht mit dem
> gleichermaßen beliebten wie nutzlosen (weil äußerst schwammigen) und von
> Ihnen wohl eher als Schimpfwort gebrauchten Begriff “die Evangelikalen”
> verschleiern. Warum eigentlich packen Sie nicht auch gleich noch die
> “Fundamentalismus!”-Keule aus?
Die “Evangelikalen” sind, so weit ich weiß, ein anerkannter Begriff zur Bezeichung einer bestimmten Glaubensausprägung. Sie hätten gerne, dass ich die Fundamentalismus-Keule auch noch auspacke, das habe ich allerdings nicht getan, aber auch hier gilt: Sie vermuten lediglich, dass ich die Evangelikalen grundsätzlich unter Fundamentalismusverdacht stelle.
>
> Da wird Ihre Kritik auch nicht dadurch richtiger, daß Sie Schützenhilfe
> bei “Evangelium und Kirche” (die ich sehr schätze) entdecken. Pfarrer
> Oesterles Einwand scheint angesichts der Geballtheit “theologischer
> Nachdenklichkeit” vor Seriösität und Differenziertheit nur so zu strotzen.
> Aber lassen Sie sich davon wirklich aufs Glatteis führen? Ich jedenfalls
> könnte Ihnen sowohl in der Bibel (ja, nehmen wir ihn doch einmal: Jesus) als
> auch in der Kirchengeschichte (bleiben wir auch hier einmal im
> ‘Mainstream’: Luther) prompt vielfach Belege dafür nennen, wie Formulierungen,
> Motive und ‘Slogans’ aus der jeweils zeitgenössischen Umgangssprache
> verwendet werden, um Evangelium und Reich Gottes zu erklären, zu beschreiben,
> zu vermitteln.
Natürlich findet die zeitgenössische Umgangssprache Eingang in die Verkündigung. Allerdings darf man fragen, was denn mit den Inhalten passiert, wenn wir eine Marketingsprache sprechen, um den kirchlichen Auftrag zu beschreiben.
>
> Und nun? Darf der das, der Jesus? Darf der das, der Luther? Ist das für
> uns Intellektuelle denn nicht viel zu vulgär und theologisch gar zu
> unbedacht? Dürfen wir uns auf so ein Niveau hinabbegeben? Verfälscht denn nicht
> die Sprache des Pöbels unser akademisch keimfreies, lupenrein und
> haarscharf definiertes und ausformuliertes Evangelium?
>
> Wenn nun schon der Jesus der Evangelien und ein Luther in seinen Schriften
> sich nicht zu schade dafür waren, könnte man es da nicht der
> “Lebendigen Gemeinde” ein bißchen nachsehen, daß sie der Prägnanz halber einen
> Slogan wählt, von dem sie mit Sicherheit selbst weiß, daß er nicht in
> jeder Hinsicht vollständig vom Evangelium gedeckt ist?
>
> Nein, das alles darf man als anständiger Theologe natürlich nicht
> hinnehmen – und deshalb wird pflichtschuldig darauf hingewiesen, daß in Sachen
> Evangelium “frommes Schieben und Drücken” nicht hilft. Diesen an sich
> richtigen Gedanke weiden Sie nun aber so aus, daß mal wieder das Kind mit
> dem Bade ausgeschüttet wird. Natürlich gibt es in Sachen Evangelium nur
> “es kann, es darf”.
Ja, so verstehe ich das Evangelium: Als Zusage Gottes, die alles trägt und erfüllt. Wenn sie auf Luther verweisen: er unterschied Gesetz und Evangelium und zum Evangelium passt kein “Müssen”.
>
> Aber nun wissen doch nicht nur Sie und ich, daß nicht alles, was erlaubt
> ist, uns auch “zum Guten dient’”. Sollten Sie es also tatsächlich so
> meinen, daß wir schlichtweg alles Evangelium nennen können, weil es ja
> ohnehin oft genug “durch die Hintertür und den Nebeneingang” kommt und
> wir deshalb gar nicht darauf achten ‘müssen’, was wir verkünden?
Mit der Metapher von der Hintertür und dem Nebeneingang wollte ich darauf hinweisen, dass das Evangelium manchmal überraschende Wege geht. Der religiöse Mainstream zur Zeit Jesu hat Gottes Gegenwart bestimmt nicht so erwartet, wie Jesus das tat.
>
> Macht sich “das Evangelische” tatsächlich aus dem Staub, sobald wir
> sagen: “Da ist es. Und da nicht.”? Auch hier kann und will ich nicht
> glauben, daß Sie das so meinen könnten. Oder haben Sie tatsächlich
> vergessen, daß das Evangelische (und das ist im Kern doch wohl das Evangelium,
> oder?) durchaus Orte kennt, an die es sich binden mag?
Warum gleich verwalten
> Sie die Sakramente? Warum gleich sind wir, um es in der Sprache der Apostel
> zu sagen, dazu aufgerufen, die Geister zu unterscheiden? Auch und wiederum
> Luther wußte wohl zu sagen, wo das Evangelium sei – dort nämlich, wo es
> Christus predigt. Dergleichen Beispiele gibt es viele. Nur gibt es eine Art
> “theologischer Nachdenklichkeit”, die so gewichtig erscheint, daß
> diese einfachsten Dinge wohl vergessen werden.
Die Bindung des Evangeliums an Orte und Sakramente ist durchaus locker. Es entzieht sich jedenfalls kirchlicher Verfügung.
>
> So gewiß wir “das Evangelische” nicht machen und zwingen können
> (und, bitteschön, Sie wissen doch selbst, daß auch die “Lebendige
> Gemeinde” sich darüber im Klaren ist), so gewiß sind wir in der Verantwortung,
> daß “das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem
> Evangelium gereicht werden”. Das ist und bleibt nunmal ein ‘Muß’ für
> die Evangelische Kirche – und es gibt nicht nur den Modus des Zwanges beim
> Begriff ‘müssen’, sondern eben auch den der conditio sine qua non.
Richtig, und genau deshalb wehre ich mich gegen das Marketingdenken in der Kirche, das auch im EKD-Impulspapier “Kirche der Freiheit” erkennbar ist.
>
> Wenn Sie bei er “Offenen Kirche” die Größe hätten, einen solchen
> Gebrauch des Wörtchens ‘müssen’ auch einmal der “Lebendigen
> Gemeinde” zuzugestehen (und glauben Sie mir, ich lese “anstöße” nicht zum
> ersten Mal), dann würde ich Ihre Glosse nicht, wie es nunmal der Fall ist,
> ‘ätzend’ und ‘nichtssagend’ finden.
>
> Und nun wende ich mich wieder der Lehre in Tübingen zu.
Erfolgreiches Studieren!
>
> Mit freundlichen Grüßen,
>
> Tobias Lampert
Mit freundlichem Gruß
Michael Seibt
>
Sehr geehrter Herr Seibt!
Meine akademische Bildung hat für mich mit allen Lebensbereichen zu tun, auch mit meinem Blog. Das dürfte man schon alleine daran erkennen, daß mein Artikel zu Ihrer Glosse nicht nur aus den zwei von Ihnen angekreideten Wörtchen besteht – und daran, daß ich diese Diskussion mit Ihnen eingegangen bin.
Und nun mal ehrlich: Wer es schafft, von einem einzelnen Slogan auf die ganze Theologie einer Synodalgruppe zu schließen und diese mit einer Glosse zu überziehen, die nicht gerade wenig spöttisches Potential birgt, der sollte auch ein bißchen einstecken können. Daß Sie Begriffe wie “ätzend” und “nichtssagend” gleich als herabsetzend deklarieren und damit dem Gesprächspartner Niveaulosigkeit unterstellen wollen, zeugt nicht gerade von Ihrer Bereitschaft, auf gleicher Augenhöhe mit anderen zu diskutieren. Erst austeilen, dann nicht einstecken wollen? Nein, ich bleibe bei meiner Wertung Ihrer Glosse als “ätzend” und “nichtssagend” und behaupte, das aus guten, sich auf die Sache beziehenden Gründen zu tun. Ob Sie damit umgehen können oder wollen, überlasse ich gerne Ihnen. Ich werde daher auch meinen Sprachgebrauch hinsichtlich solcher Dinge nicht mehr vor Ihnen zu rechtfertigen suchen.
Daß Sie die Ironie meines Artikels “Was Nutella mit dem Evangelium zu tun hat” nicht bemerkt haben wollen, lasse ich einmal außer Acht.
Wenn es aber schon um das Niveau geht, dann lassen Sie uns das doch wenigstens mal auf die Theologie beziehen. Hier jedenfalls wird’s richtig spannend.
Noch einmal: Sie behaupten, die Wahl des Slogans durch die “Lebendige Gemeinde” lasse grundsätzlich auf deren Umgang mit dem Evangelium als Marketingware schließen. Nun, in diesem Fall liegt die Beweislast bei Ihnen, und die haben Sie noch nicht eingelöst. Ich bin der Auffassung, daß der Spruch “never judge a book by its cover” auch in Sachen Theologie seine Gültigkeit hat. Oder würden Sie damit leben wollen, daß man Ihre Theologie anhand von Überschriften bewertet? Ich bevorzuge da eine etwas gründlichere Herangehensweise. Und deshalb weise ich erneut darauf hin, daß ich es für durchaus angemessen halte, einen Slogan zu wählen, der nicht in jeder Hinsicht vollkommen von der Sache, um die es geht, gedeckt ist – ebenso, wie auch ein Gleichnis beispielsweise so etwas wie ein tertium comparationis haben kann und es schlichtweg nicht zulässig ist, sein Bild- und Sprachgefüge eins zu eins auf das anzuwenden, worauf das Gleichnis verweist.
Die Pointe der Aussage “Wo Evangelium draufsteht, muß auch Evangelium drin sein” könnte an ganz anderer Stelle liegen, als Sie sie gerne sehen möchten. Meine Kenntnis der Menschen, die diesen Slogan zu verantworten haben, und meine Kenntnis ihres kirchlichen Handelns verbieten mir jedenfalls, diesen die Absicht zu unterstellen, sie wollten das Evangelium vermarkten und unter den Gesichtspunkten der Ökonomie betrachten.
Was den Begriff des Evangelikalismus angeht, so möchte ich Sie bitten, diesen bei Gelegenheit hinsichtlich seiner Herkunft und seines Bedeutungsgehalts etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Er ist zwar ein weit verbreiteter und aus der jeweiligen Perspektive desjenigen, der ihn zur Anwendung bringt, auch anerkannter, deshalb aber noch lange kein klar definierter und angemessener Begriff, der sich einfach so auf eine nicht ganz homogene Gruppierung wie die “Lebendige Gemeinde” beziehen ließe.
Schon die Tatsache, daß “evangelical” im englischen Sprachgebrauch synonym zum deutschen “evangelisch” verwendet wird, sollte hier zur Vorsicht mahnen. In bibelhermeneutischer Hinsicht reicht das theologische Spektrum derer, die sich als “Evangelikale” bezeichen, von den quasi-fundamentalistischen Chicago-Erklärungen bis hin zum selbstverständlichen Umgang mit der historisch-kritischen Methode, in soteriologischen Belangen vom Willensliberalismus bis hin zum streng calvinistischen Prädestinationsgedanken etc. Ich kenne mehr als nur eine Handvoll Angehörige der “Lebendigen Gemeinde”, die sich aus guten Gründen als Pietisten, niemals jedoch als Evangelikale bezeichnen würden.
Meine Frage, warum Sie nicht gleich die “Fundamentalismus!”-Keule auspacken wollen, bezog sich eben auf Ihren schwammigen und pauschalisiernden Umgang mit dem Wort “evangelikal”. In analoger Weise und meist mit brandmarkender Absicht wird eben auch mit dem Wort “fundamentalistisch” verfahren. Wenn Sie so weit nicht gehen wollen, soll’s mir recht sein … Ihre Behauptung jedenfalls, Sie würden meiner Ansicht nach die “Evangelikalen” grundsätzlich unter Fundamentalismus-Verdacht stellen, entbehrt einer klaren Grundlage.
Ihre Frage, was mit den Inhalten passiert, wenn man einen bestimmten Sprachgebrauch wählt, teile ich mit Ihnen – ohne jedoch zu den gleichen Ergebnissen wie Sie zu kommen. Ich verweise auf meine Bemerkung die Gleichnisse betreffend – und möchte darüber hinaus auch einmal grundsätzlich in Frage stellen, warum der Slogan der “Lebendigen Gemeinde” denn eigentlich so eindeutig und unbedingt das Implikat des Marketinggedankens nahelegen sollte.
Das unterstellen Sie zwar, ohne jedoch zu bedenken, daß er rein semantisch betrachtet auch einfach nur das Verhältnis von Form und Inhalt zum Ausdruck bringen kann – und das ist nun eine Sache, die auch abseits jeglichen Marketingdenkens durchaus relevant ist.
Ihr Hinweis auf Luthers Unterscheidung von Gesetz und Evangelium ist ja nun trivial – Ihr Umgang damit bereitet mir dagegen eher Probleme. Daß zum Evangelium kein “müssen” (im Sinne eines Zwanges) paßt, dürfte sich von selbst verstehen. Bei Ihnen scheint das aber, so dünkt mir, so weit zu gehen, als habe neben dem Evangelium das Gesetz gar keine theologische Bedeutung mehr. Das dürfte, wenn Sie sich schon auf Luther beziehen wollen, kräftig in die Hose gehen. Unser Reformator jedenfalls wäre über eine solche Entstellung seiner reformatorischen Unterscheidung gewiß nicht glücklich.
Selbstverständlich kommt das Evangelium oft genug durch die Hintertür und den Nebeneingang – das sollte uns aber nicht dazu verleiten, die Freiheit des Evangeliums so mißzuverstehen, als müßten wir uns nicht mehr um die Unterscheidung zwischen dem, was Evangelium, und dem, was nicht Evangelium ist, bemühen. Dafür gibt es einen klaren biblischen Auftrag – und genau das ist u.a. auch Thema der lutherischen Unterscheidung von Gesetz und Evangelium! In diesem Sinne gibt es nunmal ein ‘conditio sine qua non’ des Evangeliums.
Genau darauf scheint mir der Slogan der “Lebendigen Gemeinde” hinweisen zu wollen. Auch hier lohnt es, einmal Form und Inhalt voneinander zu unterscheiden. Der Inhalt des Evangeliums, seine den Gottlosen zum Gerechtfertigten machende Kraft, ist in der Tat ein reines “du darfst” (wobei ich hier auch gerne einmal auf Eberhard Jüngels “Indikative der Gnade, Imperative der Freiheit” verweise, wo Jüngel deutlich macht, daß der Indikativ der Gnade durchaus zwingend Imperative nach sich ziehen muß!) – was aber das Evangelium überhaupt erst zum Evangelium macht, ist damit noch nicht entschieden. Und noch viel weniger entschieden ist damit, wie wir das Evangelium verkünden sollen und wie nicht.
Die Freiheit des Evangeliums jedenfalls entbindet uns nicht der Verantwortung eines sachgemäßen Umgangs mit ihm. Gerne zitiere ich dazu Karl Barth, der meinte, daß Gott sowohl “durch den Kommunismus”, durch “einen toten Hund” oder durch “ein Flötenkonzert” zu uns reden könne, ja: “Gott kann durch einen Heiden oder Kommunisten zu uns reden und uns damit zu verstehen geben, daß die Grenze zwischen Kirche und Profanität immer noch und immer wieder ganz anders läuft, als wir bisher zu sehen meinten.” Das bedeutet aber auch schon bei Barth, wie Jüngel zu bedenken gibt, daß “das reformierte Pathos, mit dem die Ungebundenheit des göttlichen Geistes und des göttlichen Wortes betont wird” erst “mit der empathischen Rede von der Selbstbindung Gottes gehört und begriffen wird”. Zu dieser Selbstbindung Gottes gehören nun nach gesamtkirchlicher Überzeugung Predigt und Sakrament.
“Die Bindung des Evangeliums an Orte und Sakramente” ist zwar “durchaus” so “locker”, daß sie sich “kirchlicher Verfügbarkeit” enzieht (etwas anderes habe und hätte ich nie behauptet), aber nun auch wieder nicht so locker, daß man nicht darauf hinweisen dürfte, daß sich Gottes Geist selbst an die Sakramente gebunden hat!
Sprich: die reine Predigt des Evangeliums und die Darreichung der heiligen Sakramente gemäß dem Evangelium sind eben nicht einfach “can do’s”, sondern die bereits mehrfach genannte conditio sine qua non (als das ‘formale (!) Muß des Evangeliums’) und Verheißung der Gegenwart Gottes zugleich. Wenn Sie dem nicht zustimmen wollten, hätten Sie nicht im Zusammenhang Ihrer Ordination ein Gelübde auf die Bekenntnisse der Reformation ablegen dürfen.
Bleiben wir also bitteschön bei den Fakten: der Geist Gottes weht, wo er will – wir aber haben vor allem eine Verantwortung und eine Verpflichtung, das Evangelium in einer ganz bestimmten Art und Weise zu verkünden. Andernfalls droht uns der Maßstab dafür, was das Evangelium sei und was nicht, zu verschwimmen.
Der Diskurs und das Ringen um diese Art und Weise nun kann meinetwegen so kontrovers sein, wie man möchte. Aber ich nehme nicht einfach hin, daß ein Pfarrer der Evangelischen Landeskirche so undifferenziert und achtlos vom “Dürfen” des Evangeliums spricht, als sei die Frage danach, was das Evangelium denn überhaupt sei und wie wir es zu verkünden haben, schon eine typisch “evangelikale” Ketzerei.
In diesem Sinne kann man die klar erkennbare Absicht des Slogans der “Lebendigen Gemeinde”, nämlich das Evangelium verantwortlich zu verkünden, nur begrüßen. Sie können nun weiterhin von der Ernsthaftigkeit dieses Anliegens ablenken, indem Sie so tun, als habe die “Lebendige Gemeinde” nur ihr Nutella-Evangelium im Sinn. Ich denke, ich habe dazu das Notwendige und meinen Teil gesagt.
Gottes Segen Ihnen und mit freundlichen Grüßen,
Tobias Lampert
Lieber Herr Lampert,
ich bin seit über 25 Jahren Pfarrer der evangelischen Landeskirche. Ihre Belehrungen über das rechte Verständnis des Evangeliums haben etwas Rührendes an sich. Sie sind ein eifriger Theologiestudent. Allerdings habe ich auch Theologie studiert. Es ist das Vorrecht junger Leute, so anmaßend und belehrend aufzutreten wie sie das tun.
Ich gehe davon aus, dass sie spätestens auf ihrer ersten Gemeindepfarrstelle auch noch weitere Qualitäten brauchen und entwickeln werden. Dafür wünsche ich Ihnen Gottes Segen.
Freundlichen Gruß
Michael Seibt
Nun, ich denke, einen solchen Beitrag muß man nicht mehr kommentieren. Er spricht für sich selbst.
Für die Segenswünsche danke ich Ihnen dennoch aufrichtig und herzlich!
Mit freundlichen Grüßen,
Tobias Lampert
naja, nach der Kritik an Marketingvorgehensweisen und der Betonung des Studiums der evangelischen Theologie sowie der langjährigen Erfahrung als Pfarrer lese ich mit einem Fragezeichen folgende Homepage: http://www.rede-mit-stil.de