Auf dem Blog “oikosthemen” ist vergangenen Dienstag ein Beitrag mit dem Titel “Begriffserklärung – Christ oder Jünger” erschienen. Abgesehen davon, daß ich die dort vollzogene Analyse des Begriffes “Christ” und seiner Entwicklung in der Geschichte der letzten zweitausend Jahre für unvollständig und teilweise auch problematisch halte, kann ich mit der Kernaussage des Artikels nichts anfangen und lehne sie entschieden ab.

Summa summarum heißt es dort sinngemäß “Weil sich heute so viele Menschen Christen nennen, obwohl sie gar keine Christen sind, kann ich mich als Nachfolger Jesu künftig nicht mehr Christ nennen.”

 

KreuzAuf den Beitrag gestoßen bin ich durch die Verlinkung auf dem Weblog “dikosss” von Dirk Koeppe, wo ich dann auch ausführlicher dargelegt habe, warum ich ein Problem mit dem oikosthemen-Artikel habe:

 

“Ich kann diese Tendenz zur Selbstabgrenzung nicht nachvollziehen – das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, wozu wir als Christen berufen sind.

Fakt ist: “Christen” nennen sich heute deshalb so viele, weil das Evangelium (!) über Jahrhunderte hinweg in die Gesellschaft hineingewirkt, Kultur und Politik maßgeblich beinflußt hat, so daß breite Bevölkerungsschichten sich aufgrund dieser Prägung als “Christen” verstehen, ohne eine persönliche Gottesbeziehung zu haben.

Das sollten glaubende Christen zunächst einmal als Chance verstehen, immerhin ist das ein erster Anknüpfungspunkt, an dem sie das Evangelium in seinem Kern zur Sprache bringen können und sollen. Darüber hinaus ist die Inflation des Begriffes “Christ” auch ein Anzeiger dafür, daß Gottes Wort in unserem Land und darüber hinaus tatsächlich nicht auf unfruchtbares Land gefallen ist, sondern zumindest keimt – wenn auch von viel Unkraut und schlechter Bebauung unsererseits vom Ersticken und Eingehen bedroht. Für dieses Keimen aber können wir dankbar sein – und es wäre ein Zeichen von Verachtung gegenüber dem Kleinen und Unscheinbaren, dem Zerbrechlichen und Fragmentarischen, das seinen ersten Impuls eben auch aus dem Evangelium empfangen hat.

Wer sich nicht mehr “Christ” schimpfen möchte, weil so viele eben nur noch eine (wenn überhaupt) leise Ahnung davon haben, was Christsein wirklich bedeutet, der rennt genau von dem Acker, auf dem er weiter den Samen auszustreuen beauftragt ist.

In dem Punkt haben die evangelischen Großkirchen und auch die röm.-kath. Kirche mit Recht darauf bestanden, Spuren des Evangeliums in der Gesellschaft anzuerkennen und Menschen, die davon in irgendeiner Art und Weise geprägt sind, “im weitesten Sinne” als Christen anzusprechen – optimalerweise kann das ja bedeuten: an ihre Wurzeln zu erinnern! Eben deshalb nennt man sie auch “Volkskirche”. Das verdient zunächst einmal Anerkennung – während es in manchen Freikirchen und freien Gemeinden eine gefährliche Tendenz zur Selbstabnabelung (das ist der eigentliche Sinn des Sektenbegriffes) und Selbstbeweihräucherung gibt. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch in den evangelischen Landeskirchen an so mancher Baustelle vieles im Argen liegt.

Und damit nicht sofort wieder Grabenkämpfe aufbrechen, weil sich jemand angegriffen fühlt: ich sage das als überzeugter, wenn auch an vielen Mißständen leidender Landeskirchler – der aber seine ersten zwei Jahrzehnte in einer Freikirche gelebt und geglaubt hat, der auch heute noch herzlich mit vielen Freikirchen verbunden ist und dessen Herz dort ab und an noch so manchen Freudenhüpfer vollführt.”

Tags: , , , , ,

5 Kommentare zu: “Wenn Christen nicht mehr Christen sein wollen”

  1. Danke Tobias, für diese interessante Klarstellung. Aus diesem Blickwinkel habe ich es noch gar nicht gesehen.

    Nur weil etwas “mißbraucht” wird (“Namenschristen”), ist es noch lange nicht schlecht. Warum sollten wir heute wieder auf eine neue Namensgebung warten? Ich verstehe Sinn und Zweck nicht ganz. Es hat vor rund 2.000 stattgefunden und gut. Wir stehen doch auch in der geistlichen Tradition der Urgemeinde, denn wir haben den gleichen Herrn und dasselbe Evangelium. Warum sollten wir ausgerechnet bei der Benennung was anderes wollen? Ich denke es geht viel mehr um Inhalte. Wir sollten erstmal leben. Die Leute um uns her sind doch auch nicht blöd und können sehr wohl “Namenschristen” von denen, die es ernster meinen, unterscheiden. So erlebe ich es zumindest.

    Im übrigen sind die Argumente “Nachfolger” statt “Christ” gar nicht neu, die Welle gibt es schon seit Jahren, immer dasselbe Argument. Bereits Mitte der 90er Jahre stand in CrossRhythms ein Feature über Moby (!), wo es genau darum ging.

    Gruß, Dave :)

  2. Samantha sagt:

    Hallo Tobias
    der artikel ist sehr interessant. Aber jetzt habe ich mal eine Frage und ich hoffe du kannst sie mir beantworten: Bin ich ein christ auch wenn ich evangelisch getauft worden bin?? und bin ich ein christ wenn ich nicht an gott glaube (an gar nichts glaube) ???? und was muss ich tun damit ich kein chris mehr bin?? Bitte schicke mir deine antwort per email mandarinchen.1993@arcor.de

    mfg Samantha

  3. Theolobias sagt:

    Hallo Samantha!

    Vielen Dank für Deinen Eintrag – habe Dir gerade eine eMail geschrieben.

    Viele Grüße,

    Tobias

Hier kannst Du einen Kommentar hinterlassen:

Du kannst folgende Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>