[Als Quelle für diese Reihe dient im wesentlichen: Theo Sundermeier, Art. Theologie der Mission, in: Karl Müller / Theo Sundermeier (Hg.), Lexikon missionstheologischer Grundbegriffe, Berlin 1987, 470-495. Natürlich ist die Diskussion in den vergangenen Jahren fortgeschritten, die Grundlinien aber sind die gleichen geblieben, zumal die Darstellung der unterschiedlichen theologischen Missionskonzeptionen als Gegenstand theologischer Geschichtsforschung kaum grundlegender Änderungen bedarf. Ich werde, wo es mir sinnvoll erscheint, weitergehende Anmerkungen und Ergänzungen geben. Den ganz neugierigen und der englischen Sprache kundigen Lesern sei wärmstens zur Lektüre empfohlen: David J. Bosch, Transforming Mission. Paradigm Shifts in Theology of Mission, New York 1991 - eine gewinnbringende, weil ausführliche und profunde Lektüre, leider immer noch nicht in deutscher Sprache erschienen.]
Einleitung
Als “Salz der Erde”, “Licht der Welt” und “Stadt auf dem Berge” (Mt 5) ist Gemeinde Christi seit jeher in ihrem Sein missionarische (lat. missio = Sendung) Gemeinde. Sie ist es als die das Evangelium verkündigende Gemeinde aufgrund ihres Wesenscharakters, wie ihr Mission zugleich auch als bleibende Bestimmung aufgetragen ist.
Dieser Auftrag geriet in weiten Teilen der christlichen Geschichte dort aus dem Blickfeld, wo man den Missionsbefehl in Anschluß an Röm 10,18 als erfüllt betrachtete. Mit der Entdeckung Amerikas im ausgehenden 15. Jahrhundert – die “Enden der Welt” verschoben sich! – und den Herausforderungen des Christentums im Zeitalter der Aufklärung und der Neuzeit setzte ein missionarischer Neuaufbruch ein, begleitet von einer Neubesinnung über das Wesen des Missionsauftrags der Kirchen.
So war Gustav Warneck (1834-1910; evangelischer Theologieprofessor in Halle) der erste, der ab 1892 eine umfassende Missionslehre schrieb – er gilt damit zugleich als Begründer der systematischen protestantischen Missionswissenschaft und hat bleibende Wirkung auch auf die Missionstheologie in der katholischen Kirche.
Die Darstellung einer expliziten Theologie der Mission setzt somit im vergangenen Jahrhundert ein.
Mission meint nach Warneck “die gesamte auf die Pflanzung und Organisation der christlichen Kirche unter Nichtchristen gerichtete Tätigkeit der Christenheit”, ihr Ziel ist also die Bekehrung und Taufe von Nichtchristen, verbunden mit der Gründung neuer Kirchen bzw. Gemeinden, die als neue Heimat der Neubekehrten dienen sollen. Dabei vereint Warneck Ansätze, die sich in der späteren Missionstheologie auseinanderdividieren werden, zunächst vor allem in das “Konversionsmodell” einerseits und das “Plantationsmodell” andererseits.
Das “Konversionsmodell”
Joseph Schmidlin (1876-1944; Theologieprofessor in Münster) gilt als Begründer der katholischen Missionswissenschaft und steht nachweislich unter dem Eindruck Gustav Warnecks.
Wo Warneck allerdings keine engen Präferenzen hinsichtlich der Struktur neuzugründender Kirchen oder Gemeinden hat, schlägt bei Schmidlin die röm.-kath. Ekklesiologie (Lehre von der Kirche) voll durch: die katholische Kirche wird mit dem Reich Gottes identifiziert – Ziel der Mission kann von daher nur die Eingliederung in die bereits verfaßte Kirche sein. Als religiöser Akt hat die Bekehrung von Menschen zugleich soziale und kulturelle Folgen, nämlich die Abgrenzung vom bisherigen religiösen und sozialen Gefüge und die Eingliederung in die Umgebung des christlichen Abendlandes, wie es in der röm.-kath. Kirche ideal verkörpert ist.
Prägnant zusammengefaßt bedeutet Bekehrung also: raus aus dem alten, falschen Heidentum, rein in die Kirche. Inbegriff dieses Seitenwechsels ist die Umwendung der Verhältnisse und Gesinnung, also die “Konversion”, daher die Bezeichnung des schmidlinschen Ansatzes als “Konversionsmodell”.
Das “Plantationsmodell”
Ebenfalls maßgeblich im katholischen Bereich ist das sog. “Plantationsmodell” (lat. plantare = pflanzen) anzusiedeln. Ihre wichtigsten Vertreter, P. Charles und J. Masson, sehen als eigentliches Ziel von Mission nicht die Bekehrung von Menschen an. Vielmehr gilt die Bekehrung als Mittel zum Zweck der (vor allem räumlichen) Ausbreitung der sichtbaren Kirche.
Was den meisten von uns als zwei Seiten ein und derselben Medaille erscheinen mag, muß wiederum vor dem Hintergrund katholischer Ekklesiologie betrachtet werden. Wo Lutheraner und Protestanten allgemein stark zwischen der “unsichtbaren” Kirche (das ist die Summe derer, die “wahrhaft glauben” und daher statistisch nicht zu fassen sind) und der “sichtbaren” Kirche (also der Kirche in ihrer Verfaßtheit, statistisch anhand der Kirchenbücher zu erheben) unterscheiden, geht im Katholizismus das eine mit dem anderen einher:
Die röm.-kath. Kirche ist Kirche schlechthin – in ihr, in ihrem Glauben, ihren Sakramenten und ihren hierarchisch gegliederten Ämtern teilt sich die unsichtbare Kirche mit. Die röm.-kath. Kirche ist als solche “Sakrament der Welt”, “Sinn der Erde”, “Reich Gottes” (P. Charles) und so auch eigentliches Ziel der Mission.
Kritik
Konversionsmodell und Plantationsmodell gehören eng zusammen: in beiden nimmt die Kirche als juridisch verfaßtes Gebilde eine tragende Rolle ein. In perspektivischer Vertauschung gilt im Konversionsmodell die Kirche als Mittel für die Bekehrung (die auch als “Bekehrung zur Kirche” verstanden ist), während im Plantationsmodell die Bekehrung lediglich Mittel für den Zweck der räumlichen Ausbreitung der verfaßten Kirche ist.
Gegenstand der Kritik an beiden Modellen ist vor allem das hier festzustellende Verständnis des Menschen als Missionobjekt, das man unter dem Aspekt von Verdammnis und Rettung verrechnen kann. Wesen des Evangeliums ist aber gerade, daß der Mensch von Gott auf sein Subjektsein hin angesprochen wird, daß er durch Gottes Liebe in seinem unverwechselbaren und unaustauschbaren Ichsein konstituiert ist. Wo man also im Konversions- und Plantationsmodell (in Umkehrung eines bekannten Sprichwortes) “die Menschen vor lauter Kirche nicht mehr sieht”, so wollen die Kritiker wieder den Menschen in und mit seiner Würde herausstellen.
In Reinform sind die beiden Modelle heute praktisch nicht mehr existent, Ihre abgewandelten protestantischen “Entsprechungen” haben diese maßgeblich katholischen Entwürfe in den evangelikalen “Glaubensmissionen” (entspricht dem Konversionsmodell; Bekehrung gilt als Selbstzweck, die Funktion von Kirche und Gemeinde wird aber kaum noch reflektiert) und der sog. “Church Growth School” von D. McGravan (entspricht dem Plantationsmodell; gekennzeichnet durch gezielte strategische Arbeit für Gemeindewachstum, auch hier treten allerdings die ekklesiologisch-theologischen Voraussetzungen in den Hintergrund).
Als Anmerkung für diesen und alle folgenden Teile sei gesagt: bitte nutzt die Kommentarfunktion für Rückfragen, Verbesserungen, Kritik, Anregungen etc.! In dieser kompakten Form und aufgrund des Anliegens ist die Reihe teilweise zwangsläufig in Theologen-Deutsch verfaßt – ich kann aber, sofern Interesse und Bedarf besteht, gerne auch dolmetschend tätig werden. Also, traut Euch!
Tags: Theologie der Mission
Danke, Tobias, sehr interessante Gedanken! Ich komm erst jetzt dazu, mal was zu schreiben. — Was mich interessieren würde, wie in den einzelnen Modellen der Grund (bzw. Ursache od. Antrieb) für Mission gesehen wird? Wird von einer göttlichen Vision her gedacht oder eher von der auf der Erde verfaßten Kirche/ Gemeinde her? Wie gesagt, da ich kein Theologe bin, kannst du das ruhig etwas “runterbrechen”
Danke!
Übrigens, finde ich gut, dass erstmal informiert wurde und dann am Ende eine kritische Würdigung erfolgt!
Bin gespannt auf nächste Teile!
Hallo David!
Danke für den Kommentar! Ich werde im Laufe des Tages noch etwas zu Deinen Fragen schreiben. Ich glaube, Du sprichst damit etwas an, was in den unterschiedlichen Ansätzen manchmal gar nicht so ganz klar durchdacht ist.
Vor lauter neuem Design etc. pp. bin ich immer noch nicht dazu gekommen, die Reihe fortzusetzen, aber das soll sich jetzt schnell ändern!
Schön, dass es eine Initiative gibt, die Ungetaufte nun taufen möchte. Mich würde da interessieren wie die an diese Sache heran gehen, damit sich die Personen taufen lassen. Ab welchem Alter wird einem die Taufe empfohlen dort?
Lg
Horst
Hallo Horst!
Nur mal so als ganz grundsätzliche Anmerkung: dieses Blog ist nicht dafür da, unter dem Deckmantel eines gespielten Interesses für den Bloginhalt Schleichwerbung zu betreiben – ich habe daher den Link auf Deine kommerzielle Website entfernt.
Sollte ich mich in Deiner Absicht getäuscht haben: ich verstehe wirklich nicht, was Dein Kommentar mit dem Artikel “Theologie der Mission I” zu tun hat: es geht hier um eine theologiegeschichtliche Einführung in Missionstheologie, nicht um eine “Initiative [...], die Ungetaufte nun taufen möchte” (wenngleich Mission und Taufe Berührungspunkte haben, ja).
Also, wenn Dein Anliegen nicht Schleichwerbung, sondern eine wirkliche Frage zum Thema ist, dann schreib doch bitte einfach genauer, welche “Initiative” Du hier ansprichst und worauf genau Du hinaus möchtest.
Gruß,
Tobias
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