Wir Europäer haben ja hin und wieder die Neigung, Amerikanern Oberflächlichkeit, Naivität und mangelhafte Kritikfähigkeit nachzusagen. Das gilt auch für Christen. Manches, was irgendwie neumodisch erscheint und uns aus irgendeinem Grund nicht gefällt, stellen wir vorsorglich unter den Verdacht, aus den USA importiert worden zu sein.
Tatsächlich stammt ein Großteil unserer eigenen modernen Worship-Kultur, die von uns selbst beileibe nicht immer kritisch betrachtet wird, entweder direkt aus den USA, oder aber kann man sie auf dem Umweg über Großbritannien und Australien auf dieses Herkunftsland zurückführen. Da ist es vielleicht ganz ratsam, auch einmal solche Stimmen aus den USA zu Wort kommen zu lassen, die – entgegen des beliebten Vorurteils – durchaus kritikfähig sind und auch uns Gewichtiges zu sagen haben:
Michael Spencer hat mir die freundliche Erlaubnis erteilt, einen seiner letzten Blogartikel ins Deutsche zu übersetzen und hier zu veröffentlichen. Die Übersetzung ist so Pi mal Daumen und noch deutlich vom Südstaaten-Lokalkolorit gekennzeichnet, aber ich denke, die Intention wird klar und paßt wunderbar auf hiesige Verhältnisse.
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Michael Spencer ist baptistischer Theologe, lebt mit seiner Familie in Kentucky und ist u.a. für die Blogs “internetmonk.com” und “Jesus Shaped Spirituality” verantwortlich.
Vor einigen Monaten hat er bei Evangelikalen und weit darüber hinaus mit drei Artikeln über “The Coming Evangelical Collapse” (“Der bevorstehende Zusammenbruch der evangelikalen Bewegung”) für Aufsehen gesorgt.
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Der große Lobpreis-Schlamassel
Meine derzeitige Schreibtätigkeit wird von einer wichtigen Prämissen geprägt: daß die Evangelikalen zu einer Bewegung geworden sind, die sich im Grunde selbst zerstört.
Nirgendwo wird das deutlicher als in der jüngsten Entwicklung des Lobpreises im Evangelikalismus.
Kann jemand – und das meine ich ernst! – irgendwie erklären, was in der Anbetungskultur von Evangelikalen tatsächlich vor sich geht?
Innerhalb einer Zeitspanne von 50 Jahren haben wir das ganze Konzept davon, was ein Lobpreis-Gottesdienst ist, komplett über den Haufen geworfen. Wir haben uns eine Herangehensweise angeeignet, die einen geradezu haarsträubenden Grad musikalischer, technischer und finanzieller Anstrengungen und Mittel erfordert.
Wir haben uns der christlichen Musikindustrie verschrieben und mit ihr ihrem schier endlosen Appetit auf Abwechslung und Profit. Wir haben uns damit abgefunden, daß unsere Lobpreis-Leiter immer jünger werden. Traditionelle Anbetung – wie sie z.B. in der Tenth Presbyterian Church in Philadelphia praktiziert wird – droht zum Museumsrelikt zu verkommen.
Die Reformierten – ausgerechnet sie! – sind auf diesem revolutionären Weg vorangegangen. Letzte Woche besuchte ich ein Seminar, in dem einem ganzen Saal voller reformierter Christen beigebracht wurde, warum die beste aller Möglichkeiten, in die Anbetung zu führen und sie zu gestalten, „die Band“ ist. Nicht der Chor, das Lobpreis-Team etc. Nein, es ist „die Band“. Begreift eigentlich irgendwer, was das für den Lobpreis insgesamt bedeutet?
Was auf der Strecke bleibt sind Vielfalt, die Generationen umfassende und verbindende Aspekte, selbst Schlichtheit der Anbetung. Statt dessen ist Lobpreis nun ein großes Publikumsevent, geleitet von erfahrenen und geschulten Unterhaltern, auf eine bestimmte Bevölkerungsschicht ausgerichtet und nur noch dem Urteil der Zuschauerreaktion unterworfen.
Gott? Gott wurde dabei das eine Mal so behandelt, als wäre er ein Störenfried, den wir mit unseren Liedern zum Schweigen bringen müßten, ein anderes Mal, als sei er ein göttlicher Innovator, der das am meisten segnet, was so radikal wie möglich verändert wird.
Warum nun nenne ich das einen „Schlamassel“? Ganz einfach: weil es nicht gut enden kann. Es ist wie mit einem Rennwagen, dessen Drosselklappe offensteht. Wir sind in einer Achterbahn gefangen, aus der wir nicht herauskommen.
Anbetung ist zu einem Fachbegriff der Musik geworden. Lob und Anbetung bedeuten – Musik. „Laßt uns anbeten“ heißt: „Die Band wird jetzt spielen“. Die Aussage „Wir müssen dem Lobpreis mehr Zeit widmen“ zielt nicht mehr auf das stille Gebet oder die gottesdienstliche Schriftlesung oder auf irgendeine Art teilhabender und teilnehmender Liturgie ab. Sie bedeutet – Musik.
Sogar das gemeinsame Singen verliert dabei an Bedeutung. Wo Lautstärke und Darbietung immer weiter nach oben geschraubt werden – wen kümmert es da noch, ob jemand singt?
Und wer kann eigentlich 20, 30, 40 Minuten lang stehen?
Zwar haben wir jetzt jede Menge fröhlicher Menschen – nur haben sie keine Ahnung davon, was biblische Anbetung jenseits dessen bedeutet, seine Lieblingssongs von einer coolen Band gespielt zu hören. Sie haben kaum eine Ahnung von der Art von Lobpreis, der sich etwa in der Entfaltung der eigenen Begabung abspielt, in der Familie, am Arbeitsplatz oder einfach in der Stille. Sie betrachten ihre Lieblingssongs als den Ort des eigentlichen spirituellen Erlebens.
Wir haben es gründlich verbockt. Was wir brauchen: Eine einfache und klare Liturgie. Vielfalt und Einbeziehung aller. Die Wertschätzung und das ganzheitliche Verstehen der Bibel. Generationsübergreifende Strukturen und Mißtrauen gegenüber dem Motiv des Profits. Die Absage an den Geist des Wettbewerbs. Das Hören auf die Warnung der Propheten, wenn sie davon reden, daß Gott sich von Israels Anbetungskultur, die auf eine „große Show“ statt auf Echtheit setzt, abgestoßen fühlt. All das brauchen wir.
Wir sind darauf angewiesen, daß Jesus unserem Lobpreis Gestalt gibt, und wir haben eine Form der Anbetung nötig, die eine einfache, direkte, kompromißlose, von Jesus selbst geformte Spiritualität begünstigt.
Tags: iMonk, Lobpreis, Michael Spencer, Worship






Ein schöner Beitrag! Wir scheinen echt Schnittmengen zu haben.
Hallo Tiberius! Das mit den Schnittmengen kann ich mir durchaus vorstellen!
Hmm…gibt’s da Zusammenhänge mit folgendem Beitrag?
http://theo-blogie.blogspot.co.....gkeit.html
Hei Daniel!
Das ist in der Tat lustig: ca. fünf Minuten, nachdem ich meinen Artikel veröffentlicht hatte, habe ich den theo-blogie-Eintrag in meinem FeedReader entdeckt. Kein bewußter Zusammenhang also – aber manchmal sind Themen ja einfach “dran”.
Gute Gedanken – der Cartoon oben bringt es auf den Punkt. Was die Musik anbelangt, so denke ich nicht, dass man den Begriff “Lobpreis” auf einen bestimmten Stil festlegen kann, die Art der Kirchenmusik hat sich ja durchaus auch durch die Kirchengeschichte hindurch geändert. Ich gehöre eine kleinen Freikirche (ohne eigenes Gebäude) an, und wir wählen die Instrumente danach aus, dass sie mobil und schnell auf/abzubauen sind. Aber ich denke, das ist ja auch nicht der Punkt hier.
Unser Problem ist vor allem, dass wir den Begriff “Anbetung” auf einen bestimmten Zeitpunkt in der Woche (oder meinetwegen zwei) eingeengt haben und damit eine Kluft zwischen Gemeindezusammenkunft und Alltag schaffen, die so sicher nicht beabsichtigt war, aber definitiv zu spüren ist. Ich kriege auf jeden Fall die Koliken, wenn ich das Wort “Anbetungszeit” höre. Die sollte, wenn ich die Bibel recht verstehe, 24 Stunden an 7 Tagen die Woche dauern.
Als Individuen sehe ich das Problem darin, dass wir auch bei diesem Thema “Anbetung” zu sehr auf uns selbst und zu wenig auf Gott fixiert sind – das kommt ja auch in deinem Artikel raus. Dass uns der “Kick”, das wohlige Bauchgefühl wichtig ist – und dass wir aus irgendeinem unerfindlichen Grund der Ansicht sind, dass Gott nur oder vor allem da zu erfahren wäre. Wir sind eben, auch innerhalb der Gemeinde (und ich vermute mal, dass Freikirchen da besonders anfällig sind) auch Kinder unserer Zeit…
Hallo curioustraveller!
Ja, da stimme ich Dir voll zu!
Zur “Stilfrage”: Michael Spencer schreibt ja in einem und aus einem Umfeld heraus, in dem “Lobpreis” in der Tat mittlerweile nicht mehr als eine bestimmte musikalische Stilform bedeutet, die einen ganz bestimmten Zweck erfüllen soll. Insofern bedauert er eine doppelte Engführung: einmal die Engführung von Anbetung auf einen bestimmten Teil des Gottesdienstes oder einer anderen christlichen Versammlung, zum zweiten dann die Engführung von Lobpreis auf einen bestimmten Musikstil.
Also zum Thema: “Wie Lobpreis-Gottesdienst besser gestalten” kann ich nun wirklich gar nichts sagen *gg*. Was mir gerade positiv (M. Spencer u. die Übersetzung) auffällt, wieder mal, ist diese wirklich gute, eingängige, klare, moderne Sprache der Amis, casual (vielleicht ZU casual manchmal, vielleicht auch zu polemisch?), aber den Punkt ohne weitere Verrenkungen treffend.
Und natürlich haben wir Schnittmengen. Theolobias ist einer, der seinen Glauben ernst nimmt *find* (ohne dabei – bis auf ein Mal*fg* – allzu kategorisch zu werden).
Darum ist er, auch u. gerade für jemand, der nicht seiner Konfession angehört, auch authentisch und interessant. *nickt dir zu*
Einen lieben Gruß
Hei Elsa!
Schön, Dich umgekehrt auch einmal hier begrüßen zu dürfen!
Mit der Sprache der Amis hast Du recht: sehr erfrischend, klar und direkt, aber oft kommt dann bei mir auch der typisch europäisch-intellektuelle Hang zum Meckern durch und ich vermisse Tiefgang und Differenzierung, wobei ich jetzt in diesem Fall bei Spencer nicht wirklich etwas zu meckern habe (gut, ich würde schon was finden …
)
Nun muß ich ja fast rot werden, wie gut Du über mich sprichst!
Ich gebe das Kompliment deshalb ganz schnell an Dich zurück und freue mich darüber, daß wir in der Tat Schnittmengen haben (und ich glaube, die sind nicht klein)!
Herzliche Grüße von Protestant aus Deutschland zu Katholik nach Italien (das ist ja fast schon paradigmatisch) und auf baldiges Wiederlesen,
Tobias
Hallo Tobias, danke für die Übersetzung!
Viele Grüße, Johannes
Hei Johannes!
Gerne geschehen – und schön, daß Du mal wieder vorbeigesehen hast!
LG,
Tobias
Hallo Tobias,
vielen Dank auch von meiner Seite. Ron hat mich auf deinen Post aufmerksam gemacht und ich finde ihn echt gut, wenngleich ich das “Schlammassel” nicht pauschalisieren möchte. Aber ich denke, die vielen “Wellness-Angebote” bei christlichen Worship-Cd`s sprechen doch Bände…
Wir sollten auch im evangelikalen Raum viel mehr der musikalischen Vielfalt (bishin zu Komponisten wie Messiaen, der atonal geistliche Musik komponierte) Raum geben. Musik darf und muss auch zum Nachdenken anregen.
Zum teuren Worship sollte allerdings nicht unerwähnt bleiben, das gerade die herkömmliche protestantische und katholische Liturgie wohl ebenfalls nicht kostengünstig wegkommt (Orgelrestauration/Bau, Orchesterfinanzierung für Kantatenaufführungen usw…).
Alles in allem aber ein super Post!
LG,
Daniel
Hallo,
Danke für die Übersetzung. ich habe von amerikanischen Gottesdiensten keine Ahnung. Der Beitrag hört sich jedoch so an, als würde Herr Spencer seine persönlichen Erfahrungen in allgemeine Gesetzmäßigkeiten übertragen. Nicht, dass das was schlechtes wäre. Mich stört nur, dass es sich (mal wieder) fast nur auf äußere Formen bezieht.
Würde man Bonhoeffer zum Thema Lobpreis heranziehen, dann wären wir schon seit den genannten 50 Jahren (mindestens) im Schlamassel. Bonhoeffer hat eben wichtigeres geschrieben.
Eine Gemeinde zerfällt niemals äußerlich, sondern von innen her. Ein Haus zerfällt buchstäblich, wenn das Leben in ihm verschwindet. Umgekehrt geschieht das in der Regel nicht. Warum klagen so wenige über fehlendes Verständnis und Nächstenliebe und dafür um so mehr über Methoden und Praktiken?
Ich (und mit Sicherheit nicht ich alleine) habe beides erlebt: “Traditionellen” Lobpreis mit leeren und mit vollen Worten sowie den modernen, “getunten” Lobpreis als leere Hülse und als gott-zentrierte Anbetung. Wer kann da ein Gesetz formulieren?
Marco
[...] zum ursprünglichen Lobpreis Schlamassel. Comments [0]Digg [...]
[...] Informationen: http://www.theolobias.de/2009/.....hlamassel/ Categories: Allgemein, Neu, TheoCATHOLICUS, TheoPRAXIS Tags: Anbetung, charismatisch, Lehre, [...]