An seiner Krippe

Rembrandt:

Rembrandt: „Beschneidung Christi“ (1661)

Es gibt wohl kaum ein schöneres, reicheres, anrührenderes Lied zum Wunder und Geheimnis der Weihnacht als „Ich steh an deiner Krippen hier“ mit dem Text von Paul Gerhardt und in der Vertonung von Johann Sebastian Bach (die wiederum auf eine Melodie Martin Luthers zurückgeht).

Ob es Dir wohl auch so geht? Jedes Jahr aufs Neue bin ich tief bewegt von der Botschaft, die hier in nahezu jedem Wort verborgen und zugleich offen zutage liegt. Noch nie habe ich es geschafft, beim Singen oder Hören dieses Liedes nicht die eine oder andere Träne zu verkneifen oder einfach frei fließen zu lassen. Jedes Mal waren und sind es Tränen der Trauer und Tränen des Glücks, Tränen der Scham und Tränen der Befreiung. Oft kann ich sie nicht voneinander unterscheiden, so komprimiert kommt in diesen Zeilen und in der Melodie selbst zum Ausdruck, wovon unser Leben allzu oft geprägt ist – vor allem aber, wovon es geprägt sein sollte und nach und nach schon jetzt geprägt sein darf.

Die Botschaft

Zum Glück muss man gar nicht so sentimental sein wie ich, um diese Botschaft als eine zu begreifen, die mitten ins Herz treffen soll. Dich. Mich. Uns. Diese Botschaft ist das Evangelium – die frohe Botschaft. Die Botschaft davon, dass der Urgrund unseres Seins dort, wo wir schon längst und scheinbar hoffnungslos uns selbst, dem anderen und eben diesem Urgrund fremd, wo wir schon längst und scheinbar hoffnungslos alt und unheil geworden sind, sich durchsetzen, wieder die Mitte unseres Lebens und unserer, seiner Welt werden und darin alles neu und heil machen will. Dich. Mich. Uns.

Nicht mit Macht. Nicht mit Getöse. Nicht mit einer Ideologie, noch nicht einmal mit einer Strategie. Nur so: Ohnmächtig. Leise. Mit der verletzlichen Bitte um Aufnahme, nackt und unverstellt. Es ist die einzige Botschaft, die es wert ist, immer und immer wieder gehört und zu Herzen genommen zu werden. Es ist die eine Botschaft, aus der sich alle anderen Botschaften unserer Welt, sofern sie gut, schön und wahr sind, speisen und in die sie wieder münden.

Ganze Romane könnte ich schreiben zu jeder einzelnen der fünf Strophen, die ich hier ausgewählt habe. Aber manchmal ist es angemessener, vor dem Wunder und dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes zunächst – nicht zu verstummen, wohl aber still zu werden. Anbetend (und dabei vielleicht auch leise singend) stehen zu bleiben.

Warum Gott klein wird

Ich habe nur einen Wunsch zu Weihnachten: Dass Du dieser Botschaft (und damit dem, von dem sie kündet) Dein Herz öffnest, wo auch immer sie Dir heute und in den kommenden Tagen begegnen wird: ob in einem Gottesdienst oder vor dem Display, auf das Du gerade blickst. Ob beim Hören von Bachs Weihnachtsoratorium oder bei einem anderen, wie auch immer gearteten leisen Anklopfen und Ertönen ihrer Worte.

Du musst Deine Deckung nicht ganz und gar ein- und Deine Herzenstüre nicht sperrangelweit aufreißen. Ein kleiner, verstohlener Spalt ist schon genug. Der Urgrund unseres Seins, der allmächtige Gott, ist nicht umsonst in Jesus Christus ganz klein geworden: Er kann und will sich auch durch einen solchen kleinen, verstohlenen Spalt Zutritt verschaffen. Ohnmächtig. Leise. Mit der verletzlichen Bitte um Aufnahme, nackt und unverstellt. Er will und wird neu und heil machen. Dich. Mich. Uns.

Uns ist heute der Heiland geboren! (Lukas 2,11) – von Herzen frohe und gesegnete Weihnachten!


Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
und lass dir’s wohlgefallen.


Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.


Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht‘,
wie schön sind deine Strahlen!


Ich sehe dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen!


Eins aber, hoff ich, wirst du mir,
mein Heiland, nicht versagen:
dass ich dich möge für und für
in, bei und an mir tragen.
So lass mich doch dein Kripplein sein;
komm, komm und lege bei mir ein
dich und all deine Freuden.


Paul Gerhardt: Ich steh an deiner Krippen hier (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 37)

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