Jesus und die Sprachlosigkeit

Martin Dreyer, Gründer der Jesus Freaks und Autor der Volxbibel, hat zusammen mit Filmemacher Silas Baisch ein Video produziert, in dem er seine Geschichte mit Gott erzählt.

In seiner gewohnt einfachen, direkten und unsentimentalen Sprache berichtet er von seinen Abstürzen in die Welt der Drogen – und davon, wie Jesus ihn dort herausgeholt und ihm ein neues Leben geschenkt hat.


Ich nehme Dreyer jedes Wort davon ab. Ich hüte mich davor, einem Menschen mit einer so bewegten Biographie Realitätsferne und Schwärmerei zu unterstellen. Ich hüte mich nicht zuletzt deshalb davor, weil ich ja selbst einer dieser Menschen bin, die Jesus ihren „Herrn und Heiland“ nennen, und weil ich Jesus selbst schon als diesen Herrn und Heiland erlebt habe. Und trotzdem hat mich diese Geschichte, so wie sie da erzählt wird, enttäuscht oder zumindest irritiert.

Als Insider weiß ich zwar oder habe ich zumindest eine Ahnung davon, was Dreyer meint, wenn er beispielsweise sagt, dieser Jesus habe „dafür gesorgt, dass mein Leben einen guten Weg gegangen ist – einen Weg, den es sich lohnt zu leben, bis heute“. Aber sobald ich versuche, mich in die Perspektive eines Nichtchristen hineinzuversetzen, frage ich mich umgehend: Was hat dieser Jesus denn genau getan? Wie genau hat er denn dafür gesorgt, dass dieses Leben eine solche Wendung (bzw. solche Wendungen) genommen hat? Woher nimmt Martin Dreyer die Gewissheit, alles das Jesus zu verdanken – und nicht einfach dem eigenen Überlebenswillen, den Ärzten, dem sozialen Umfeld etc.? Ist „Jesus“ hier nicht einfach nur eine Chiffre für glückliche Umstände, oder begegnet er wirklich persönlich als der lebendige Gott? Wer ist denn dieser Jesus, und wie genau erfährt man ihn?

Die eigene Sprachlosigkeit – und die der anderen

Die so umrissene Enttäuschung hat mich vor allem deshalb ins Grübeln gebracht, weil ich immer wieder feststelle, wie schwer ich mir selbst damit tue, Worte zu finden für diese Realität namens Jesus Christus. Mir selbst ist sie schon beinahe selbstverständlich. Doch wie kann ich so viel „Butter bei die Fische“ tun, dass jemand, für den Jesus bislang vielleicht nur eine Märchenfigur aus einem uralten Buch oder bestenfalls eine beeindruckende historische (aber deshalb nicht weniger tote) Gestalt war, auf den Gedanken kommt, dass sich alles das nicht „nur in meinem Kopf“ abspielt (wie es die Fantastischen Vier vor Jahren einmal durchexerziert haben)?

Ist es vielleicht so, dass nur Gott selbst diese Lücke, diese Sprachlosigkeit überwinden kann – indem er im Leben derer, denen wir von ihm erzählen, zu wirken und sich als der Lebendige zu erweisen beginnt? Soll dieses Video also vor allem einfach der Versuch sein, Neugierde zu wecken, ohne das Eigentliche irgendwie schon vorwegzunehmen oder gar zu zerreden? Sprich: Tue ich Martin Dreyer mit meiner Enttäuschung Unrecht, täusche ich mich also mit meinem Eindruck?

Oder schleicht sich diese Sprachlosigkeit tatsächlich zusehends auch bei einer Bewegung wie den Jesus Freaks ein, die doch eigentlich gerade ganz anders von Gott reden wollten und wollen, als es in den etablierten Kirchen so der Fall war und ist? Driftet das nicht wieder in eine Art religiösen Slang ab, von dem vor allem solche Menschen angesprochen werden, die schon eine ganz bestimmte religiöse Sozialisation mitbringen, während der immer größer werdende Rest nur noch befremdet und mit einem müden Lächeln darauf reagiert?

Neu von Gott reden lernen

Wenn letzteres zutrifft: Was ist der Grund für diese Sprachlosigkeit? Dass unser Reden von Gott immer wieder neu durchdacht werden und immer wieder neu Gestalt annehmen muss, ist ja mehr oder weniger eine theologische Binsenweisheit. Aber wie kann das heute geschehen? Wie kann das ganz konkret aussehen? Wie können wir unsere eigene Sprachlosigkeit überwinden – hin zu einer Sprache, die „vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu“ ist, wie Dietrich Bonhoeffer sie angestrebt und sich erhofft hatte?

Ich bin gespannt auf Deine Gedanken dazu!

9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr, sehr treffende Gedanken, Tobias. Ich denke auch (nicht nur als Barthianer), dass die von dir beschriebene (menschliche!) Sprachlosigkeit ein Stückweit normal ist. Gott lässt sich nie ganz greifen. Aber: Wehe, wenn uns die heilsame Unzufriedenheit darüber abhandenkommt!

    • Vielen Dank für die Rückmeldung, Daniel! Ich musste in diesem Zusammenhang auch schon einmal an Barth denken. Und natürlich auch daran, dass es ein Stück weit normal und letztlich ja auch gut ist, dass wir Gott nicht in unsere Sprache packen können. Jedenfalls nicht so, dass wir ihn damit im Griff haben. Der Anlass für diesen Artikel war eher die Sehnsucht danach, dass Gott in unsere Sprache einbricht (das ist jetzt wieder ziemlich barthianisch gedacht, obwohl ich mich mit ihm in letzter Zeit gar nicht mehr wirklich auseinandergesetzt habe). Von daher würde ich Deine letzte Frage dann auch sofort bejahen: Wenn man sich auf die Suche begibt, kann einem ja allerhand Unerwartetes begegnen!

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  5. Ich finde, diese Formulierung trifft es sehr gut:
    „Driftet das nicht wieder in eine Art religiösen Slang ab, von dem vor allem solche Menschen angesprochen werden, die schon eine ganz bestimmte religiöse Sozialisation mitbringen, während der immer größer werdende Rest nur noch befremdet und mit einem müden Lächeln darauf reagiert?“
    Ich fand das Video einfach nur langweilig. Die immer gleichen abgegriffenen Formulierungen der Halleluja-Fraktion, und das von Leuten, die qua Beruf (Pastor) eigentlich ein größeres sprachliches Spektrum vermuten lassen.
    Da gibt es nichts, was mich am Christentum reizen könnte. Und letztlich sagt doch die Einblendung am Schluß, was gemeint ist:
    Laden Sie M.D. in Ihre Gemeinde ein. Marketing auf Christlich. Warum nicht? Aber warum sollte man sich davon was anderes erwarten als von anderen Marketingformen?`Es ist sogar weniger: Noch nicht einmal besonders originell.

    • Danke für den Beitrag! Nun ist es freilich auch recht mühsam, bei jeder Gelegenheit originell sein zu müssen – ich glaube, dieser Anspruch wäre eine Überforderung. Ich glaube auch überhaupt nicht, dass das Video nur zu „Marketing“zwecken gedreht wurde. Selbst wenn, könnte ich dahinter immer noch eine gute und aufrichtige Absicht neben und noch vor dem Wunsch, damit den eigenen Lebensunterhalt bestreiten zu wollen, erkennen (ich weiß nicht, ob oder wie viel Martin Dreyer mit seinen Vortragsreisen überhaupt verdient …). Aber der fade Beigeschmack bleibt – und das, so fürchte ich, eben umso mehr ausgerechnet bei den Menschen, die mit dem Video eigentlich erreicht werden sollen.

    • Eine Marketing-Absicht kann ich auch ausschließen, einhundertzehnprozentig. Aber ich kann das Missverständnis gut nachvollziehen (es ist mir auch in anderen, ähnlichen Kontexten begegnet – als Mitarbeiter bei ProChrist mobil 2006 dachten mehrere Leute, ich würde für den Job bezahlt …) – und es ist ja sozusagen Teil des beschriebenen Problems. Im Video wird eben nicht ausdrücklich klar, was genau – substanziell – gemeint ist, was sich hinter den Floskeln verbirgt. Jesus und die Sprachlosigkeit.

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