Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Aber nichts kann so gegenwärtig sein wie ein altes Buch, gerade wenn es nicht um jeden Preis aktuell sein will. Gerade das nicht Zeitgemäße kann zur kritischen Einrede werden. Biblische Worte kommen von weit her. Statt krampfhaft ihre Aktualität zu propagieren, wäre gerade das stark zu machen. Weil viele Worte der Bibel nicht zeitgemäß sind, sagen sie uns, was wir uns nicht selbst sagen können und was nicht auf der Tagesordnung steht. Wir sind von gestern. Deshalb sollten wir nicht schon von morgen sein wollen, sondern uns sagen lassen, was vorgestern und vorvorgestern war. Dabei wird sich noch etwas zeigen: Es geht nicht nur darum, Antworten auf die Fragen, sondern heute mehr noch Fragen auf die Antworten zu finden. Manchmal zeigen die ganz alten Fragen die Kurzschlüssigkeit vieler in Kirche und Gesellschaft so modern und zukunftsorientiert sich aufplusternder Antworten – z.B. die ganz alten Fragen der Bibel.

Jürgen Ebach: Schrift-Stücke. Biblische Miniaturen

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.


Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.


Lukas 21,25-31: Die Bibel

Ehe man sich versieht, steht dann so ein junger Bursche auf der Kanzel, der einem erklärt, dass man bisher die ganze Bibel falsch verstanden hat. Jesus ist nicht gekommen, um uns von unseren Sünden zu erlösen, sondern von den Kernwaffen. Dieses schlaffe, bequeme Wir-haben-uns-alle-lieb-Christentum, das es heute gibt, ist ja so was von abscheulich! Diese Burschen stehen dann da oben und delirieren über ‚verwundbar Kirche sein‘ oder über ‚Zeitgenossenschaft bezeugende offene Kirche‘ oder über ‚Gott, der uns im anderen begegnet‘. Es ist nicht zu glauben, was man da so alles zu hören bekommt! Dieses ganze dem Zeitgeist hinterherhinkende Gewäsch. Jesus ist ‚für die Schwachen in der Gesellschaft‘ gekommen. Als bräuchten die Starken und Reichen nicht ebensogut einen Erlöser.

Maarten ‚t Hart: Die Jakobsleiter