Seine Macht muss in der Stille liegen. Sein Schweigen scheint mir unerbittlich gegen das Schweigen der Welt. Seine Stille ist gnadenlos gegen den Tod. Sie bringt das Nichts zum Bersten. Sein Schlachtfeld kennt keinen Lärm, denn es ist immer das Schweigen, der Tod, die Gräber und das Nichts. Und wir haben ihn nicht mit Schwertern in die Unterwelt ziehen sehen und mit wehenden Fahnen und Geschrei, sondern mit geschlossenen Augen, bleichem Mund und ohne Herzschlag. Gott untergräbt die Stille. Es muss eine Macht darin liegen, die ich nicht verstehe.

Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung

Wer beginnt, „Ich“ zu sagen, der hat die unsichtbare Welt schon betreten, weil wir alle keine Beweise für uns haben. Weil wir uns alle still und heimlich darauf verlassen, wirklich zu sein. Weil wir im Respekt vor diesem unbeweisbaren Geheimnis unserer Existenz sogar von einer Würde sprechen. Sichtbar ist die nicht. Es ist eine Annahme. Ein Glaube.

Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung

Es war nie die Rede davon, dass es hier witzig wird. Es war nie die Rede davon, dass uns allen die Sonne aus dem Arsch scheint. Unser Glaube, der Glaube der Christen, hat einen Schrecken. Unser Glaube macht „BUH!“. Unser Glaube hat in sich das Wissen um den ganzen Dreck der Welt. Er hat einen Schrecken. So wie diese Welt. Und erst dann kommt die Frohe Botschaft. Vorher gibt es keinen Grund, dumm grinsend auf der Kanzel zu stehen und die Menschen, die echte Not haben, deren Ehen gerade kaputtgehen, deren Kinder krank werden, deren Geschwister sterben und deren Eltern dement werden, deren Herzen gebrochen werden, deren Stolz verletzt wird, mit einem weichen gemütlichen Gesäusel und Sozialkitsch einzulullen.

Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung

Ich verstehe Gott nicht. Das sage ich ihm auch. Und ich sage ihm, dass sein Anspruch an uns zu hoch ist. Dass wir zu klein für ihn sind. Dass er uns nicht so überfordern kann. Und wäre sein Wille nicht der Grund unserer Existenz, dann würde ich ihn hinterfragen, jeden Tag. Aber was wissen wir schon. Wer von uns hat sich selbst geschaffen. Vielleicht sind wir höher, stärker und größer, als wir tun. Als wir wollen.

Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung

Ich glaube, die Liebe in uns zieht. Nicht nur in die Arme eines anderen Menschen. Nicht nur durch die Räume, in die äußeren Zimmer, an die Fensterscheiben, wo der Atem das Glas beschlägt. Ich glaube, sie zieht einen viel weiter. Sie ist wie ein Kleinkind, das nichts von Zeit weiß. So beharrlich. Sie kann nicht beruhigt werden. Nur vorläufig, aber nie ganz. Sie zieht. Zu Gott. Und darum leiden wir.

Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung