Oft muss ich eine Mauer von Gegengründen und widerstrebenden Gefühlen überwinden, die ich zwischen mir und all denen aufgebaut habe, die ich liebe, die aber diese Liebe so oft nicht erwidern. Es ist eine Mauer der Angst, erneut ausgenützt und verletzt zu werden. Es ist eine Mauer des Stolzes und das Bestreben, alles im Griff zu behalten. Aber jedesmal, wenn ich diese Mauer überwinden kann, komme ich in das Haus, wo der Vater wohnt, und begegne dort meinem Nächsten mit wirklich erbarmender Liebe.

Henri J. M. Nouwen: Nimm sein Bild in dein Herz. Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt

Und doch bin ich wieder und wieder von zu Hause weggegangen. Ich habe die Segenshände geflohen und bin weggelaufen zu fernen Orten auf der Suche nach Liebe. Das ist die große Tragödie meines Lebens und des Lebens so vieler, die ich auf meinem Weg getroffen habe. Irgendwie bin ich taub geworden für die Stimme, die mich den Geliebten nennt, habe den einzigen Ort verlassen, an dem ich diese Stimme hören kann, und bin in der verzweifelten Hoffnung weggegangen, irgendwo etwas anderes zu finden, was ich zu Hause nicht mehr finden konnte. Aufs Erste klingt dies einfach unglaublich. Warum sollte ich den Ort verlassen, wo ich alles hören kann, was ich brauche? Je mehr ich über diese Frage nachdenke, desto mehr erkenne ich, dass die wahre Stimme der Liebe eine sehr leise und zärtliche Stimme ist, die zu mir an den verborgensten Stellen meines Seins spricht. Es ist keine laute Stimme, die sich mir aufdrängt und Aufmerksamkeit fordert. Es ist die Stimme eines fast erblindeten Vaters, der viel geweint hat und viele Tode gestorben ist. Es ist eine Stimme, die nur von denen gehört werden kann, die sich berühren lassen.

Henri J. M. Nouwen: Nimm sein Bild in dein Herz. Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt