Oft muss ich eine Mauer von Gegengründen und widerstrebenden Gefühlen überwinden, die ich zwischen mir und all denen aufgebaut habe, die ich liebe, die aber diese Liebe so oft nicht erwidern. Es ist eine Mauer der Angst, erneut ausgenützt und verletzt zu werden. Es ist eine Mauer des Stolzes und das Bestreben, alles im Griff zu behalten. Aber jedesmal, wenn ich diese Mauer überwinden kann, komme ich in das Haus, wo der Vater wohnt, und begegne dort meinem Nächsten mit wirklich erbarmender Liebe.

Henri J. M. Nouwen: Nimm sein Bild in dein Herz. Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt

Der Mensch der Sehnsucht ist ein unsicherer Kantonist, weil er in jedem Land zu große Wünsche hat; weil er überall die Stummen sucht, die reden gelernt haben, und die Lahmen, die tanzen gelernt haben. Und er findet sie noch in keinem Land. So ist jedes Land und jede Heimat auch ein Käfig. Er aber lässt sich nicht einfangen in die Sprache der Menschen, die dort wohnen, weil die Sprache seiner Sehnsucht weiter reicht. Und in jedem Land weint er die Tränen seines Heimwehs nach der Sprache der Stummen und nach dem Augenlicht der Blinden. Zuhause wird er sein im Niemandsland, in dem Land, in dem noch keiner war. Zuhause wird er erst sein im Land, das allen versprochen ist: in dem Land, aus dem die Seufzer geflohen sind. Jeder Mensch der Sehnsucht ist ein Ausländer – überall. Schön sind diese Menschen der Sehnsucht in ihrer Freiheit und in ihrer Skepsis den Heimaten gegenüber. Sie sind nicht eingefangen in eine Sprache, die sich als die einzig mögliche gibt, und sie kennen größere Lieder als die der Heimatkapellen.

Fulbert Steffensky: Schwarzbrot-Spiritualität

Ich glaube, die Liebe in uns zieht. Nicht nur in die Arme eines anderen Menschen. Nicht nur durch die Räume, in die äußeren Zimmer, an die Fensterscheiben, wo der Atem das Glas beschlägt. Ich glaube, sie zieht einen viel weiter. Sie ist wie ein Kleinkind, das nichts von Zeit weiß. So beharrlich. Sie kann nicht beruhigt werden. Nur vorläufig, aber nie ganz. Sie zieht. Zu Gott. Und darum leiden wir.

Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung

Die Menschen schauen immer von Gott fort. Sie suchen ihn im Licht, das immer kälter und schärfer wird, oben. Und Gott wartet anderswo – wartet – ganz am Grund von Allem. Tief. Wo die Wurzeln sind. Wo es warm ist und dunkel.

Rainer Maria Rilke

Stern, auf den ich schaue,
Fels, auf dem ich steh,
Führer, dem ich traue,
Stab, an dem ich geh,
Brot, von dem ich lebe,
Quell, an dem ich ruh,
Ziel, das ich erstrebe,
alles, Herr, bist du.


Ohne dich, wo käme
Kraft und Mut mir her?
Ohne dich, wer nähme
meine Bürde, wer?
Ohne dich, zerstieben
würden mir im Nu
Glauben, Hoffen, Lieben,
alles, Herr, bist du.


Drum so will ich wallen
meinen Pfad dahin,
bis die Glocken schallen
und daheim ich bin.
Dann mit neuem Klingen
jauchz ich froh dir zu:
nichts hab ich zu bringen,
alles, Herr, bist du!


Cornelius Friedrich Adolf Krummacher: Stern, auf den ich schaue (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 407)

  • Veröffentlicht in: Lyrik

Und doch bin ich wieder und wieder von zu Hause weggegangen. Ich habe die Segenshände geflohen und bin weggelaufen zu fernen Orten auf der Suche nach Liebe. Das ist die große Tragödie meines Lebens und des Lebens so vieler, die ich auf meinem Weg getroffen habe. Irgendwie bin ich taub geworden für die Stimme, die mich den Geliebten nennt, habe den einzigen Ort verlassen, an dem ich diese Stimme hören kann, und bin in der verzweifelten Hoffnung weggegangen, irgendwo etwas anderes zu finden, was ich zu Hause nicht mehr finden konnte. Aufs Erste klingt dies einfach unglaublich. Warum sollte ich den Ort verlassen, wo ich alles hören kann, was ich brauche? Je mehr ich über diese Frage nachdenke, desto mehr erkenne ich, dass die wahre Stimme der Liebe eine sehr leise und zärtliche Stimme ist, die zu mir an den verborgensten Stellen meines Seins spricht. Es ist keine laute Stimme, die sich mir aufdrängt und Aufmerksamkeit fordert. Es ist die Stimme eines fast erblindeten Vaters, der viel geweint hat und viele Tode gestorben ist. Es ist eine Stimme, die nur von denen gehört werden kann, die sich berühren lassen.

Henri J. M. Nouwen: Nimm sein Bild in dein Herz. Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt